Direkt zum Hauptbereich

Kiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitsch, jawoll, ja ...


Ausgerechnet am Allerheiligentag, einem Tag an dem viele das einzige Mal im Jahr den Friedhof besuchen, hatte am Nationaltheater Mannheim eine fröhliche Oper für die ganze Familie Premiere. "Cenerentola" von Gioacchino Rossini. Eine Oper, die vor 100 Jahren uraufgeführt wurde, wegen ihres zeitlosen Märchenmotivs vom Aschenputtel immer noch mit wenig Änderungen genießbar bleibt.

Die Regisseurin Cordula Däuper ermöglicht durch ihre Inszenierung - äußerlich im Fin de Siècle angesiedelt und mit Elementen der Popkultur des 20. Jahrhunderts gespickt - genial, dass alle Generationen Elemente in der Aufführung finden, die ansprechend und unterhaltsam sind. Die Titelheldin ist selbstbewusster angelegt und die Ausbeutung der Frau steckt schon immer unübersehbar im Aschenputtel-Motiv. Trotz den räumlichen Begrenzungen des NTM und dem bekannt knappen Budget der Mannheimer gelingt es dem Bühnenbild von Ralph Zeger und den Kostümen von Sophie du Vinage nicht nur den Zauber des Märchenmotivs ins Leben zu rufen, sondern auch Eyecandy in Massen zu verteilen.

Wenn kleine Kinder noch nie in der Oper waren, damit macht man ihnen nicht nur eine Freude, man schickt sie auf eine emotionale Reise in eine Bilderwelt, deren Kitsch so dicht und drall ist, dass es begeistern kann. Das ist kein plumpes Kitsch-as-Kitsch-can, nein, hier haben wir Kitsch als ironisches Zitat, Kitsch als Leitmotiv, Kitsch als zeitgenössische Materialisation des Prinzessinnentraums. Ohne Peinlichkeit, ohne falsche Leitgedanken, das ist Pink als starke Aussage zur Selbstbehauptung. Nicht zuletzt ist es diesmal der Prinz … aber das spoilere ich nicht. Das tut das Video des NTM dann, also ansehen. Ist untern eingebettet.

Für die Premiere hat es bei mir nicht gereicht, aber trotz ausverkauften Aufführungen konnte ich heute die dritte Vorstellung besuchen. Am Pult Attilio Cremonesi, der nicht nur das Dirigat, sondern auch die Cembalo Passagen, mit Begeisterung erfüllte und die gut einstudierte kleine Besetzung des NTM-Orchesters zu Höchstleistungen antrieb. Brillante Dynamik, emotionales Tempo und klarer Klang boten einen musikalischen Unterbau, auf dem die Sänger glänzen konnten. 

Klar artikuliertes Belcanto, hinreißendes Spiel, ohne jede Schwäche im Ensemble sangen heute Joshua Whitener den Prinz Don Ramiro, Ilya Lapich den maskulinen Kammerdiener Dandini, Bartosz Urbanowidz den bösen Stiefvater Baron Don Magnifico, Ludovica Bello und Cornelia Zink die Stiefschwestern Clorinda und Tisbe, Valentin Anikin mit Belcanto-Bass den Lehrer und Vertrauten des Prinzen, den Macchiavelli des Stücks, Alidoro. Und nicht nur im Hintergrund, sonder in vielfältiger Aktion, der Opernchor unter Einstudierung von Dani Juris. Das ganze Team leistet beachtliches, von der Maske bis zum Licht, die ganze Technik, die Werkstätten, auch da ein Bravo. Besonders für den Esel. Mit dem konnte ich mich richtig identifizieren. Ihr werdet die Szene erkennen.

Insgesamt eine Vorstellung ohne Schwächen. Keine große Hochkultur zum Erschauern mit hochbezahlten internationalen Stars und millionenteurem Bühnenzauber, sondern professionelle und mit Leidenschaft gemachte Oper, Theater, Kitsch, Unterhaltung, Erbauung und Belehrung. Was will man mehr. Vor allem wenn in Mannheim die billigste Karte ohne Ermäßigung weniger als 15 € kostet. An der Stelle auch einmal ein Dank an die staatlichen Stellen und Sponsoren, die derartigen Kunstgenuss bezahlbar machen und ihn so allen Bevölkerungsschichten öffnen.

Ich kann diesmal auch nicht sagen, reingehen und sich mitreißen lassen, die Vorstellungen sind ausverkauft - aber das Grippewetter ist da, Leute werden krank. Also dranbleiben.

Und als Appetithappen das Teaser-Video vom NTM:





Beliebte Posts aus diesem Blog

Bleigießen - Orakel und Symboldeutung

Das Bleigießen ist ein jahrtausendealtes Ritual zum Wahrsagen. Es sollte Warnungen und Hilfen geben in Zeiten des Wandels. Wurde es bis zum ersten Weltkrieg gerne vor Verlobungen, vor der Emigration oder anderen Lebensentscheidungen benutzt, so ist es heute hauptsächlich ein Partyspaß an Silvester, um einen Blick aufs kommende Jahr zu werfen.

Bis ins 19. Jahrhundert war es ein billiges Wahrsageritual, gegen das die christliche Kirche keine großen Vorbehalte hatte. Das Bleigießen war preiswert, das benötigte Material fand sich früher in jedem Haushalt. Heute würde man kein Blei mehr im Haus finden und auch die fertigen Sets zum Bleigießen enthalten kein Blei mehr. Es sind meist unbedenklichere und trotzdem leicht schmelzbare Metalle wie Zinn-Legierungen.
Was brauchst Du dafür?
"Bleifiguren" - aus Gesundheitsgründen bestehen sie heute aus Zinnlegierungen
(deshalb, kein richtiges Blei verwenden, falls man noch Abfallstücke herumliegen hat - giftig!)hitzebeständiger Metall-Löffel,…

Schmand-Borschtsch vom Schwarzen Meer

Schmand-Borschtsch war das erste typische Schwarz-Meer-Rezept, das ich bei meiner Frau und ihrer Verwandschaft kennen lernte. Ein Gericht, das die Küchen Rumäniens, Russlands und der schwäbischen Herkunft der Siedler vereinte.

Aber der Borschtsch wäre nicht mehr das, was es früher einmal gewesen wäre, klagten die älteren Familienmitglieder. Das Fleisch wäre nicht mehr so, man bekäme nicht mehr die gleichen Knochen und die Rinder würden zu jung geschlachtet. Die Unterschiede und was man vermisst wurden genau beschrieben. Für mich war das der Anlass nach den Ursachen zu suchen und ein angepasstes Rezept zu entwickeln.
Der Tipp mit dem Schlachtalter und den Knochen war ein erster wesentlicher Schritt. Wurde historisch die Hochrippe mit Fleisch und Knochen verwendet, die beim älteren Rind eine ganz andere Struktur und Faserigkeit zeigt, so findet sich ein vergleichbares Fleisch heute bei Rindfleisch mit 12-20 Monaten Schlachtalter eher in der Wade. Selbst Freilandtiere aus Bio-Haltung ha…

Parmesan-Cracker

Diesmal gibt es gleich zwei Rezepte in einem. Mit dem gleichen Basis-Teig kann man sowohl die Kräuter-Ausführung als auch die Variante mit Paprika backen. Ich teile den Teig immer in zwei Teile, mache dann mit einer Hälfte die Paprika-Variante (Paprika-Menge halbiert) und mit der anderen die Kräuterkekse.
Der Grundteig hat folgende Zutaten:
250 g Dinkelmehl 630 120 g Sauerrahmbutter, zimmerwarm 140 g Parmesan, fein gerieben oder in der Moulinette zerkleinert 120 g Sauere Sahne 1/2 TL Salz 1/4 TL feingemahlener weißer Pfeffer 1/4 TL Bockshornklee, gemahlen 1/4 TL Kurkuma
Aus diesen Zutaten einen Teig kneten, eine 3 cm dicke Rolle formen, in Küchenfolie einwickeln und mindestens 1/2 Stunde in den Kühlschrank legen.
Für die Paprikavariante braucht man noch 100 g Mini-Paprika. Gemüsepaprika haben eine zu dicke Wand und die Kekse sind dann nicht haltbar, vielleicht bekommt man Roma- oder Spitzpaprika mit dünner Wand, dann kann man die auch nehmen. Jedenfalls muss man sie in Streifen schne…